Heitere. Weisen.

  • Projektziel: Produziere sieben bis zehn neu vertonte Volkslieder zusammen mit Musikern, setze dabei Elektronik gegen Akkustik, nutze beides als Reibungsfläche für Neues und arbeite von ihren Arrangements aus gesamt in fies-heiteres Dur um (wo möglich).
  • Beteiligte: Anatol Locker, angefragt: Thomas Aschenbrenner, Kai Hofmann, Julia Haug, Christine Hackenberg
  • Mittel: Audioaufnahmen, Stems aus LIN DEN HOF Sessions, nachproduziert in Logic Pro. Video- und Grafikgestaltung via Final Cut Pro, AI Grafiken anhand von Liedtexten
  • Start: 1.7.2022
  • geplantes Ende: 1.7.2023

Lange gibt es die Idee, Volkslieder zu modernisieren und neu als TAG LIN GER aufzunehmen. De facto habe ich das auch schon getan: Fünf Gänge auf die Greina wurden 2004 – 2005 zu Volxsong. Einem ersten Versuch, Bergaufnahmen mit den englischen Versionen von Volksliedern zu kombinieren. Sie sind heute als Alpgang 2005 auf alpgang.net abgelegt. Nun kommen nach der Wut und der Beschäftigung mit der dunklen Seite der eigenen Gefühlswelt diese Lieder wieder auf. Als Gegenbewegung. Sie sollen heiter und in einem digitalen Kleid daherkommen. Umso mehr als ich mit dem Projekt IXI das Zusammenspiel mit Musikern wieder gelernt habe. Denn ich will diese Lieder nicht vollkommen auf mich gestellt entwickeln, das wäre zu sehr im eigenen Saft schmoren.

November 2022

Der Schnitter: Nach einer Grippe, die mich stimmlich nicht gerade gefördert hat komme ich nun dazu die beiden anderen Stems-Container von Anatol zu bearbeiten. Aus dem einen wird „Der Schnitter“, aus dem anderen „Ouwe“. Beide Tracks sind auf mehr als 10 Minuten angelegt. Mit dem Schnitter komme ich am besten voran und lege einen Beta Mix vor:

Der Schnitter Beta – die Gesangslinien sitzen noch nicht da, wo sie sein sollten

Vor allem der Schluss mit dem sterbenden Herzton erzählt die Geschichte eindringlich, aber die Gesangslinien haben noch nicht die Topographie, die die Gesangsfigur klar in eine Geschichte bringt. Die Effekte sind noch zu beliebig und das Arrangement noch nicht nahtlos an den Gesang angepasst. So laufen Soundtrack und Voices noch nicht ineinander.

Eine Rückversicherung bei Anatol hat mir geholfen, den Track zusammenzuzurren, zweieinhalb Minuten zu kürzen und den Stimmen eine durchgehende Linie zu geben. Jetzt schwillt der Track an wie eine Pandemie und klingt im Sterben und der Leere aus.

Der Schnitter ist jetzt bündig.

Ouwe wâr: Ich mache mich jetzt an die HEITERE WEISE, deren Lied von Walter von der Vogelweide stammt und in meinem Kopf seit über 40 Jahren herumspukt. Es gibt bereits diverse Vedrsionen davon, auch hier, und so will ich es von einer anderen Seite probieren. Die DUR Klänge von Anatol zwingen mich dazu, und ich biege zuerst falsch ab, versuche einen Rap und versuche vor allem auch alle Strophen einzusingen, allerdings in mehrererlei hinsicht eine falsche Entscheidung.

Zum einen geht es in den Strophen 4 bis 12 plötzlich um eine Kritik an der Jugend, die sich so gar nicht für ihren Spass einsetzen will, was ein wenig schwer ohne MIttelhochdeutsch Kenntnis zu verstehen ist. Zum anderen kenne ich die Strophen 1 bis 3 als Klage eines alten Mannes, dass sich das Leben in nichts auflöst. Und ich finde die in sich sehr bündig und genug. Also kürze ich.

Zum anderen langweilt mich der Rap-like Gesang sehr schnell. Es entwickelt sich nicht so wie beim Schnitter eine neue Liedmelodie. Also lösche ich die „Sing“-Spuren wieder und räume erst einmal den Instrumentaltrack auf, mache ihn tighter und rhythmisch.

Ouwe wâr als Instrumentaltrack, noch ohne Gesang und ohne weitere Kürzungen

Mit einem Mal war es innert 10 Minuten möglich, die drei Strophen neu einzusingen, sie dabei in die Länge zu ziehen und ihnen eine neue Melodie zu geben. Improvisiert, was es angesichts der langen Bekanntschaft mit diesem Lied leicht und gleichzeitig schwer macht. Die alten Muster verlassen. In einem Lied von einem alten Mann. In die aufsteigende Stimmenführung der drei Strophen passe ich in einem ersten Entwurf die drei Instrumentalteile ein. Sie fallen noch ein wenig monoton aus, was aber vielleicht gerade den Reiz ausmachen könnte. Überlegen sollte ich, wie klaar die „akkustischen“ Instrumente und die TR 808 darin erkennbar sein sollen doch auch eine elektronische Verfremdung brauchen.

Ouwe wâr mit Stimmen

Heute beim Joggen kam mir die Idee, wie ich mit den weiteren Stücken zum Beispiel zusammen mit Thomas Aschenbrenner weiter vorgehen möchte. Die Idee ist es, ihm einen elektronischen Groove zum Beispiel von einem Buchla zuzusteuern und sie ihm als Inspiration für die Schlagzeugarbeit zu geben. Mehr weiss ich noch nicht.

Oktober 2022

Die Gesangslinien habe ich eingesungen und sie dahingehend verändert, dass die scheinbar gesampelten „DA“s live gesungen wurden (ohne Autocorrect) und die „live“ gesungenen Strophen heftig mittels Autotune und Klickarbeit in den Tonhöhen verändert wurden. Zudem kam der „Sample“teil nach vorne und bildet jetzt die Onramp zu den ersten Instrumenten des Intros. Mit der ersten Strophe und dem doch sehr nassen Grundklang bin ich noch nicht zufrieden. Vielleicht singe ich noch einmal neu ein. Und so klingt das alles in einer sehr rohen (weil durch Ozone Standard im Automatik Modus verzerrten Version:

Kuckuck – Version 1 – noch ziemlich roh gemischt …
Kuckuck – Version 2 – mit besserer Einpassung der Stimme

Ich habe die erste Liedzeile in ein AI Programm hineingepackt. Und so bekomme ich für „Auf einem Baum ein Kuckuck sass“ folgende Grafik zurück, die ich vielleicht sogar als optische Linie im fertigen Projekt nutzen könnte.

Ein erstes Cover für Kuckuck. Interessant sind die Farbmarken an der Seite, die verwendbar wären als Farbklima für die Website.

Inzwischen habe ich auch für „Ouwe“ und den „Schnitter“ die Stems von Anatol zusammengestellt und in eine jeweils über 10 Minuten laufende Struktur gebracht. Während der „Schnitter“ den Bass als wuchtiges Element benutzt und am Schluss in einem herzschlaggleichen hohen Pianostakkato endet, trotzig, „ich lebe noch“ sagt, teilt sich „Ouwe“ in drei Strophenteile, die durch ein modifiziertes Dudelsack-Solo geteilt werden. Den Klang in eine Logik zu bringen, war nicht so einfach (danke, Anatol :-D), aber jetzt funzt es.

Ich habe noch keine Korrekturen des „Kuckuck“ eingesungen oder einen der beiden weiteren Tracks bearbeitet, denn ich bin derzeit wegen eines hartnäckigen Schnupfens heiser und bekomme keinen sauberen Töne hin. Aber wenn ich vom LIN DEN HOF zurück bin, im November steht das an.

September 2022

Der sehr intensive Session Tag mit Anatol Locker auf dem LIN DEN HOF bringt mit einem Schlag drei Tracks in ein erstes „so könnte es gehen“. Denn Anatol hat mir daraus freundlicherweise drei sehr spannende Stems Sets zukommen lassen, die ich für

  • Kuckuck
  • Es ist ein Schnitter
  • Ouwe

sehr gut verwenden kann. Und den „Kuckuck“ habe ich hier im Studio bereits aufgezogen, arrangiere ihn mit den Lines von Anatol so, dass ich den Gesang setzen kann. Aber langsam. Ich will nichts überstürzen.

Eine Eigenart von Anatol kommt jetzt dem Projekt entgegen. Er arbeitet wenig in Moll, was gerade bei Tracks wie „Schnitter“ und „Ouwe“ zuerst einmal schwierig scheint, denn sie setzen natürlich den Text in Moll besser. Aber der Schwenk auf Dur während der Session hat den Texten eine neue Dimension und schliesslich auch einen neuen Titel eingebracht:

Heitere Weisen

Ob die durchgängige Dur Machart dann alles wirklich nicht doch hintergründig traurig wirken lässt oder die stets brutalen Textaussagen nicht auch ironisch bricht, das wird sich zeigen.

Als ich vergangene Woche nach einer Operation im Krankenbett lag und mir mit genügend Zeit das Konzept der sieben vorgesehenen Lieder, pardon heiteren Weisen, durch den Kopf gehen liess, fiel mir die angestrebte Architektur des Projekts auf. Während die elektronischen Stücke von Anatol eine eher natürlich Stimmanmutung mit meinem Satzgesang bekommen werden, sind die „akustischen“ Stücke der Mitmusikerinnen in den Stimmen vermutlich eher elektronisch verfremdet. Aber das zeigt der Fortgang der Stücke, die jetzt LANGSAM entstehen sollen, ich habe keine Eile. Auffällig ist nur, dass ich jetzt schon beim Kuckuck merke, wie ich das „Kuckuck“ in die Panoramen der Echos und Instrumentalspuren einbaue. Ich frame den Text musikalisch, und vielleicht wird das auch das Vorgehen für die weiteren Weisen.

Juli 2022

In einer Vorsession habe ich erste Umsetzungen probiert. Die Swingsession mit Thomas Aschenbrenner hat zu einer schön jazzigen Variante von „Kuckuck“ geführt, die ich leider nicht recorded habe, aber da Thomas einen sehr eigenen Stil hat, Swing zu spielen und ich die Gitarrengriffe noch wüsste, würde ich die Version rekonstruieren können. Trotzdem wäre der Weg über Swing hier zu konventionell für mich. Ich suche weiter und behalte diesen Beat im Hinterkopf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.